Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, wo mich Ereignisse, die mich nicht betreffen, doch direkt sehr betroffen machen.
Dieses Mal ist zum Glück nichts passiert. Zumindest wenn man unter diesem „nichts passiert versteht, dass keine unschuldigen Menschen verletzt oder gar getötet wurden.
In Braunschweig wurde „nur“ ein Karnevalsumzug abgesagt, aber am Tag danach herrscht in der Löwenstadt noch immer Katerstimmung und das „nichts passiert“ relativiert sich sehr.
Denn nichts ist mehr so, wie es war.
Gestern war die Stadt, wo sich über 250.000 Menschen eigentlich einen vergnüglichen Nachmittag gönnen wollten, wie ausgestorben.
Und heute gab es bei dem traditionellen Rosenmontagsempfang des Oberbürgermeisters im wahrsten Sinne Selters statt Sekt.
Keinem war wirklich nach Rosenmontag zumute, zu sehr lag der schwarze Sonntag noch in den Gedanken der Karnevalisten und den Verantwortlichen der Stadt.
Oberbürgermeister Ulrich Markurth sprach noch einmal von: „“Es gab unfassbar konkrete Hinweise auf ein Geschehen, das Menschenleben gefordert hätte.”
Doch was es war, was wirklich dahinter steckte, das ist auch noch einen Tag nach der Absage völlig unklar. Der Spiegel berichtet von einem V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes, der aus der Salafistenszene Wolfsburg/Braunschweig stammen soll.
Dieser Informant hätte sich am Samstagabend gemeldet und mitgeteilt, „dass beim Karnevalsumzug ab 13 Uhr auf dem Altstadtmarkt mit einem Anschlag zu rechnen sei.“
Für die örtlichen Behörden habe es, so ist aus verschiedenen Quellen zu hören, keine Alternative gegeben, als den Zug abzusagen.
Das mag so stimmen und es wäre ein Leichtes sich jetzt hinzustellen und als Außenstehender zu sagen: Das war völlig unnötig und überzogen.
Nicht nur vonseiten der Grünen im Landtag in Hannover kommen die ersten Stimmen, die eine rasche Aufklärung fordern. Es kann nicht angehen, dass man nach einer solchen gravierenden Maßnahme sich in die Hinterzimmer der Polizei und des Staatsschutzes zurückzieht und ansonsten die Ermittlungen irgendwann und irgendwie im Sande verlaufen.
Erst vor kurzer Zeit war ein Aktivist der Salafistenszene der Region in Wolfsburg verhaftet worden, weil ihm aktive Teilnahme an der Rekrutierung der IS vorgeworfen wird. Auch dem Braunschweiger Prediger Muhamad Ciftci kommt eine besondere Bedeutung hinsichtlich der Verbreitung radikaler islamistischer Ansichten zu.
Das heißt. Diese Szene ist in der Tat aktiv und zumindest aus dieser Sicht waren die Sorgen der Braunschweiger Sicherheitsbehörden nicht grundlos.
Der gestrige Tag hat klar gemacht, dass die Bedrohung keine abstrakte ist. Auch nicht in Deutschland. Auch nicht in meiner Heimatstadt.
Doch das alles darf nicht dazu führen, dass wir in eine Dauerangst verfallen. Unser Leben soll und muss so weitergehen, sonst verlieren wir viel mehr als nur einen Sonntag ohne Karneval.
